Daumenlutschen und Nuckeln abgewöhnen
Paul Suer
Wie
das Kinderbuch "Struwwelpeter" zeigt, war das Daumenlutschen bereits
vor über 100 Jahren ein Thema. Doch ganz so drastisch, wie Heinrich
Hoffmann einst das Problem "löste", sind unsere Methoden zum Glück
heute nicht mehr. Gleichwohl ist auch in unserer Zeit das
Daumenlutschen und Nuckeln in vielen Familien ein wichtiges Thema.
Mit den Nerven am Ende
Eine Mutter berichtet: "Unser Sohn ist schon sechs Jahre alt. Aber er
lutscht bei jeder Gelegenheit an seinem Daumen. Mich regt das
fürchterlich auf. Am liebsten würde ich ihm den Daumen aus dem Mund
reißen. Ich habe schon alles Mögliche probiert, um ihm diese schlechte
Angewohnheit auszutreiben. Einmal habe ich ihm sogar eine übel
riechende Tinktur auf den Daumen geträufelt. Doch wirklich geholfen hat
bis jetzt noch überhaupt nichts."
Warum nuckeln Kinder eigentlich?
Kinder nuckeln von Geburt an. Die Fachleute sprechen von einen
angeborenen Saugreflex. Manchmal nuckelt das Ungeborene bereits im
Mutterleib an seinem Daumen. Der Saugreflex ist von der Natur
eingerichtet, damit sich das Baby die Milch aus der Mutterbrust holt.
Das
Saugen dient aber auch einem anderen Zweck. Denn es hat eine
beruhigende und entspannende Wirkung. Ist Ihnen schon einmal
aufgefallen sein, dass ein Baby schneller nuckelt, wenn es aufgeregt
ist? Durch das Nuckeln baut es überschüssige Energien ab und beruhigt
sich wieder.
Eine ähnliche Bedeutung haben auch Schmusekissen,
Stofftiere oder einfache Stoffreste. Jedes Kind hat sein Lieblingsteil,
das eine bestimmte Form, Farbe und Geruch haben muss. Wehe, wenn die
Mutter dieses lieb gewordene Teil in die Waschmaschine steckt und der
Geruch nicht mehr stimmt. So schnell wird sie das Geschrei ihres Kindes
nicht vergessen.
Schnuller und Schmusedecken geben Sicherheit
Nuckel, Schnuller und Daumen, aber auch Schmusekissen und Stofftiere
haben eines gemeinsam: Sie geben dem Kind das Gefühl von Vertrautheit
und Sicherheit. Solange sie diese Gegenstände bei sich haben, fühlen
sie sich geborgen. Die meisten Kinder hüten sie wie ihren Augapfel und
achten peinlich darauf, sie nicht zu verlieren. Für den zweijährigen
Felix aus O. ist es beispielsweise nichts Besonderes, wenn er drei,
vier "Ersatzschnuller" bei sich führt, die er von Zeit zu Zeit
auswechselt.
Doch
nicht alle Kinder haben sich an einen Schnuller gewöhnt oder ein
Stofftier zum Kuscheln ausgewählt. Manche nehmen für diesen Zweck den
guten alten Daumen. Er hat den Vorteil, dass er jederzeit verfügbar ist
und man ihn nicht verlieren kann. Er passt sich an den Gaumen an,
riecht immer gut und ist ein vertrautes Körperteil.
Auch das
Teefläschchen oder ein wenig Saft in der Nuckelflasche üben eine
beruhigende Wirkung aus und regen zum Schlafen an. Dennoch ist von
dieser Möglichkeit abzuraten. Indem nämlich die Zähne und der Kiefer
ständig von süßen Getränken umspült werden, kann es zu extremen
Zahnproblemen und zu frühkindlichem Karies kommen.
Schnuller oder Daumen?
So praktisch der Daumen auch sein mag, sollten sich Kinder das Lutschen
am Daumen erst gar nicht angewöhnen. Denn es hat zwei Nachteile:
- Durch den einseitigen Druck nach vorne verschiebt sich der
Kiefer und es kommt zu einer Fehlstellung der Zähne.
- Das Lutschen am Daumen kann zu einer starken Gewöhnung führen,
die manchmal nur schwer abzubauen ist.
Dass
Kinder nuckeln, ist kaum zu verhindern und sollte auch nicht verhindert
werden. Doch wenn das Kind immer wieder den Daumen in den Mund steckt,
versuchen sie es frühzeitig an den Schnuller zu gewöhnen. Wenn Sie ihm
immer dann, wenn es den Daumen in den Mund führt, einen Schnuller
anbieten, wird es sich leicht daran gewöhnen.
Moderne
Schnuller aus Latex oder Silikon erfüllen ihren Zweck sehr gut und
unterstützen die Entwicklung des kindlichen Kiefers. Bekanntlich gibt
es drei Schnullergrößen. Wichtig ist nur, dass Sie die richtige Größe
verwenden. Der entscheidende Vorteil gegenüber dem Daumen ist aber,
dass der Schnuller eines Tages "entsorgt" werden kann, wodurch sich das
Nuckeln in der Regel erledigt. Das sollte aber auch zwischen dem 2. und
3. Lebensjahr erfolgen, weil zu langes Schnullertragen ebenfalls
Fehlbildungen des Kiefers hervorrufen kann.
Abschied vom Nuckeln und Saugen
Zum Glück hören die meisten Kinder im 3. bis 4. Lebensjahr von alleine
auf zu nuckeln oder den Daumen in den Mund zu stecken. Sie fühlen sich
dann "groß genug", um das Nuckeln einzustellen. Gelegentlich oder zum
Einschlafen wird der Daumen noch genommen, aber ansonsten ist in diesem
Alter Ruhe. Je älter ein Kind ist, desto schwerer fällt es ihm, sich
das Nuckeln abzugewöhnen.
Manche
Kinder hören erst dann damit auf, wenn sie im Kindergarten von anderen
Kindern aufgezogen werden. Von anderen Kindern gehänselt zu werden, ist
aber keine gute Voraussetzung, um mit dem Nuckeln aufzuhören. Deswegen
ist es besser, wenn Ihr Kind vor dem Eintritt in den Kindergarten das
Nuckeln einstellt. Mit einem Kind in diesem Alter können wir schon
"ganz vernünftig" reden.
Am einfachsten ist es, wenn die Kinder
Schnuller benutzen. Um das Kind bei seiner Ablösung vom Schnuller zu
unterstützen, sind Rituale ein hervorragend geeignetes und elegantes
Mittel, die zudem allen Beteiligten ein Riesenspaß machen. Bei einem
solchen Ritual nehmen die Eltern mit dem Kind und den Geschwistern
gemeinsam und feierlich von dem "treuen Begleiter" Abschied.
Abschiedsfeier für einen Schnuller
Das feierliche Abschiedsritual bedarf sorgfältiger Vorbereitung. In den
Wochen zuvor wurde das Kind darauf eingestimmt, dass es schon bald groß
ist und zum Kindergarten gehen darf. Es wird daran erinnert, dass die
älteren Geschwister auch keinen Schnuller mehr haben, dass große Kinder
nicht nuckeln usw. Wenn das Kind wirklich soweit ist, dass es sich von
dem Schnuller trennen kann, dann nehmen Sie Ihr Kind beim Wort. Denn
Kinder haben ein unbändiges Verlangen, die Dinge selber in die Hand zu
nehmen. Nutzen Sie diese Energie, indem Sie ein Abschiedritual
veranstalten, das so ablaufen könnte:
Nachdem Sie sich noch einmal versichert haben, dass Ihr Kind bereit
ist, beginnen Sie mit dem Ritual. Wandern Sie in einem feierlichen
Festzug mit Ihrem Sohn oder Tochter durch das ganze Haus, bis Sie die
Mülltonne erreicht haben. Ob Sie ein schauerliche Vollmondnacht oder
einen Sommertag in Badesandalen wählen, bleibt Ihrer Fantasie
überlassen. Auf jeden Fall versammeln sich alle Familienmitglieder mit
einer ernsten Mine rund um die Tonne. Ein Sprecher, vielleicht mit
einer Krone oder einem Kerzenleuchter ausgestattet, spricht eine
Botschaft an den Schnuller, der auf einem Samtkissen liegen könnte.
Wichtig ist, dass die Tochter oder der Sohn die Worte nachsprechen. Das
könnte sich so anhören:
"Mein lieber Schnuller!" (oder Nucki,
Nulli, oder was auch immer). "Es war eine schöne Zeit mit Dir!"
(Wiederholung) "Du warst mir immer ein guter Freund. Nie hast Du mich
im Stich gelassen." (Wiederholung) "Als ich dich einmal verloren hatte,
wie hast du mir gefehlt. Ich werde dich nie vergessen ... Doch nun ist
die Zeit gekommen, wo wir uns trennen müssen." (Wiederholung) "Leb’
wohl, lieber Schnuller." Bei diesen Worten wird der Schnuller von dem
Kind in die Mülltonne oder in ein zuvor gegrabenes Loch geworfen.
Ich
selbst habe dieses Ritual mehrfach und mit Begeisterung durchgeführt
und es hat immer geholfen. Als sinnvoll hat es sich erwiesen, ein
kleines Geschenk (Spielzeugauto, Puppe oder ähnliches) zu überreichen,
mit dem das Kind sich über den Anfangsschmerz hinwegtrösten kann. Denn
so ganz leicht ist es nicht, sich von einer lieb gewordenen und
vertauten Gewohnheit zu verabschieden.
Unglücklich wäre es, wenn
der Schnuller "auf einmal" verloren ginge. Je älter sie sind, umso eher
durchblicken die Kinder ein unehrliches Spiel. Wenn der Schnuller durch
natürlichen Verschleiß nicht mehr brauchbar ist, wird das Kind einer
endgültigen Entsorgung sicherlich zustimmen.
Auch ein Opfer an
ein "bedürftiges Kind" wird das Kleine eher akzeptieren, als wenn eine
"Schnullerfee" über Nacht den Schnuller entführt hat. Wichtig ist
einfach, dass das Kind an der Beseitigung des geliebten Teils beteiligt
ist. So kann es den Verlust besser einordnen und verschmerzen. Bei
einer konsequenten Haltung der Eltern sind "Rückfälle" eher selten.
Abschied vom Daumen
Ähnlich, wie bei der Schnullerverabschiedung können Sie bei der
Verabschiedung vom Fläschchen, Stofffetzen oder dem Schmusetier
vorgehen. Im Prinzip ließe sich sogar beim Daumenlutschen so verfahren.
Mit dem kleinen Unterschied natürlich, dass der Daumen dranbleiben
muss. Setzen Sie Ihre Fantasie ein und bauen das Ritual entsprechend
um. Wie wäre es, wenn Sie für den Daumen ein Symbol finden, das genau
auf Ihr Kind zutrifft?
Gehen
Sie auf jeden Fall behutsam mit Ihrem Kind um. Ein Kind, das an seinem
Daumen lutscht, will Sie nicht ärgern. Möglicherweise befindet es sich
in einem scheußlichen Teufelskreis: Je mehr Sie sich über das
Daumenlutschen aufregen, umso mehr sucht das Kind nach Entspannung.
Oder: Je mehr es von Spielkameraden verspottet wird, umso größer ist
das Bedürfnis, sich etwas Gutes zu tun.
Es ist zwar nicht
bewiesen, dass spätere Suchtprobleme (Alkoholismus, Drogenabhängigkeit,
Essstörungen usw.) genau auf diesem Teufelskreis beruhen. Doch ist es
nicht auszuschließen, dass übermäßig langes Daumenlutschen eine
Suchtentwicklung begünstigt. Aus diesem Grunde sollten wir Eltern uns
frühzeitig um fachlichen Rat bemühen, wenn das Kind noch im Schulalter
regelmäßig am Daumen lutscht. Auf der anderen Seite gibt es keinen
Grund, sich übermäßig zu beunruhigen: Gelegentliches Daumenlutschen,
z.B. zum Einschlafen, kommt selbst bei Erwachsenen vor. Es mag eine
etwas störende Angewohnheit sein. Dennoch gibt es keine Veranlassung,
dass Kind gleich für psychisch gestört anzusehen.
Gelegentlich
werden von konservativen Pädagogen oder Kinderärzten äußerst rabiate
Methoden zur Abgewöhnung des Daumenlutschens empfohlen. Vor ihnen
möchte ich dringend warnen. Wer Kindern übel riechende und widerlich
schmeckende Flüssigkeiten auf den Daumen träufelt oder ihnen gar in der
Nacht die Hände festbindet, hat nichts von der "Not einer schlechten
Angewohnheit" verstanden. Genauso gut könnte man einen Menschen mit
zusammen gebundenen Händen vor seine Lieblingsspeise setzen. Wird es
deshalb sein Lieblingsessen nicht mehr mögen? Wohl kaum.
Schlussbemerkung
Kinder, die über das 3. Lebensjahr am Schnuller oder am Daumen
lutschen, verdienen unsere Aufmerksamkeit und unser Verständnis. Gehen
wir besonnen mit ihrer Botschaft um, die so lauten könnte: "Ich brauche
noch etwas Zeit, um mich über einen anstrengenden Alltag
hinwegzutrösten." Geben wir ihnen die Zeit, die sie brauchen, doch
zeigen wir ihnen auch den Weg dorthin.
Autor
Paul Suer M.A. ist Pädagoge, Soziologe und Familientherapeut und
arbeitet mit suchtkranken Straftätern. Seit 1998 hat er fünf Bücher zu
Erziehungsfragen veröffentlicht. Zuletzt erschienen: "Jedes Kind ist
ein Genie Selbstbewusstsein stärken und Wissen fördern" im Moewig
Verlag im Oktober 2002.